Wettbewerb


Die Stiftung Haus der Demokratie Schrieb im Rahmen der Lesereihe „Worte können fliegen“ einen gleichnamigen Lyrikwettbewerb aus.

Thema
Der Wettbewerb (wie auch die Lesereihe) konzentrieren sich auf gesellschaftliche Umbrüche. Umbrüche solcher historischer, aber auch persönlicher Dimension, wie wir sie in den letzten 15 Jahren erlebt haben. Im lyrischen Schaffen bilden sich solche „Verwerfungen“ meist nicht direkt ab. Das aber ist die Stärke des Genres: es kann fast unaussprechliches für den Leser fassbar, erlebbar machen. Dabei ist für die Stifter von besonderem Interesse, wie das jeweilige lyrische Ich die Erfahrung von Wende und „Vereinigung“ beider deutscher Staaten erlebt und reflektiert hat.
Jeder Teilnehmer kann bis zu fünf unveröffentlichte Gedichte einreichen.

Die drei Gewinner sind:

Udo Degener, Michael Stauffer und Ron Winkler.

 


Udo Degener

Der Sache, der Kunst, angemessen, lag eine künstlich geschaffene Situation der Jury-Auswahl zugrunde. Uns standen Texte von Autorinnen oder Autoren zur Verfügung, deren ganze Persönlichkeit nur im Wortlaut ihrer Produktionen erscheinen konnte. Statt vertrauter oder unbekannter Namen über oder unter den Gedichten stand auf den Blättern nur eine selbstgewählte Autorenkennzahl, die nachträglich die Zuordnung zu gebräuchlichen Namen wirklicher Menschen sicherstellen konnte. Die Texte waren ihrer Herkunft entfremdet und sollten für sich stehen – genauer: für ihre anonymen Produzenten. Über den Autoren Udo Degener ist daher an dieser Stelle nichts zu sagen. Was geschrieben steht, darum geht es.

In ihrer Orientierung an gesellschaftlichen Wandlungen der letzten 17 Jahre und ihrer persönlichen Widerspiegelung, wie sie die Ausschreibung erbat, bieten die Titel der fünf eingereichten Texte eine kleine Parodie auf den Wettbewerb, an dem sie teilnahmen. Von einer „Bestandsaufnahme“ soll ihnen die Rede sein, von „Leistungen“ und „Ausfall“, von „Vertanen Chancen“. So bieten sie zur Beurteilung an, was selbst schon Beschreibung von Wettbewerben ist, an denen die Einzelnen nicht anonym, sondern persönlich mit Haut und Haaren und allem was darunter ist, teilzunehmen hatten.
Die Gedichte unter diesen Titeln berichten von Verletzungen. Von Niederlagen, die nicht rückgängig zu machen sind:

„Mit Steinmetaphern versuchen wir uns
Zum Sprechen zu zwingen. In den Zungen
Lanzensplitter. Wir haben uns gewöhnt
An den Geschmack im Mund, an blutendes
Zahnfleisch, nicht mehr zu schließende Lücken.“

In den Texten wird vielmehr auf eine Lebensweise verwiesen, die angesichts mancher Beschädigungen noch übrigbleibt. Wo jede Abweichung von der Norm eine besonders vermerkte Leistung darstellt – „alle merkzettel verlegt/fließendes verdrängt/versprechen abgegeben“ – weil sie zugleich ein Ausweichen ist, neue Wege erfordert und Abwege zuweilen möglich macht. Zuweilen, nicht immer. In solcher Lage verändern sich die Maßstäbe des Erfolgs, des richtigen und des falschen. Sie schwanken mit anderen Veränderungen, die nicht zu übersehen sind:

„ohne zunehmende bedeutung“ – teilt das lyrische ich mit („Ausfall“) –
„haare im waschbecken
brüchige fingernägel andere
verlieren viel mehr:“

Und gibt dann eine kleine Schilderung solcher Verluste, die schwerer wiegen als Alter und Schönheit:

„eine Münze, verlorene Geduld, ein
blatt papier
das ausgerissene
auf dem im dämmer sie
den traum bewahrten“

Der Traumbericht gilt als bewahrenswerte Äußerung, das Innere als wesentlich. Das Misstrauen gegenüber einem richtigen Verhalten im Singular nimmt aber das eigene Reden und Schreiben nicht aus. Die Texte rechnen auf die Erwartungen der Leser, die enttäuscht werden sollen nach dem Zeilenumbruch. Leichthin hört es sich an:

„Das Herz ist voll und der Mund geht über/ Zu anderen Dingen. Er beisst ins Brot/Das aufgeweicht wurde, heimlich staunt er// Über das Offene, formt ein A, ein O.“

– Alpha und Omega, Anfang und Ende des Alphabetes, des Schreibens sind aber nicht schon die sicheren Enden der Geschichte. Noch die konsequentesten Texte haben unkalkulierbare Konsequenzen. Selbst die Verweigerung gegenüber einer Mission und einem Adressaten schützt nicht vor ihnen:

„nie dabei gewesen/den falschen Hut genommen/bei jedem unfrankierten brief/noch immer im Glauben/nichts käme zurück“

Wer so formuliert wird von Lesern – auch von uns – wohl nicht nur Gutes erwarten.
Der Dichter James Krüss erhielt einst einen Preis, den „Deutschen Jugendliteraturpreis“ für das Buch „Mein Urgroßvater und ich“. In der Laudatio betonte die damalige Jury:

„Daß Wörter wie Kleider sind, mit denen man die Welt anzieht, ist eines der wichtigsten Geheimnisse, die der kleine Boy von seinem Urgroßvater erfährt.“

Präzise lautet die Stelle folgendermaßen:

„Dann sind die Wörter ja Kleider, mit denen man die ganze Welt anzieht, Urgroßvater!“
„Jawohl, Boy, so ungefähr ist es. Ohne die Sprache ist die Welt so nackt, wie Du jetzt bist. Aber durch die Sprache wird sie so gesittet und ordentlich wie du durch deinen Anzug.“

James Krüss war also etwas vorsichtiger als die Jury. Wo die Juroren ein wichtiges Geheimnis sahen, läßt er seinen Urgroßvater nur „so ungefähr ist es“ sagen. In charakteristisch anderer Weise taucht das Motiv von Sprache und Kleidung auch bei Udo Degener auf.

„... Wie Mauern stehen wir/sprachlos und starr,“ heißt es zum Ende seiner „Bestandsaufnahme“, um fortzusetzen: „aus Angst das Kind zu sein/Das endlich ruft: aber er hat ja nichts an.“

In beiden Texten ist Sprache als eine Vermittlung gedacht, die der nackten Welt gegenübergestellt wird. Doch Krüss sieht die Sprache als Mittel des sprechenden Kindes, als Weise der Aneignung der Welt, deren vorheriges namenloses Unbekleidetsein keinerlei Mangel darstellt und unbefangen benannt werden kann. Degeners „wir“ der „Bestandsaufnahme“ fürchtet hingegen, die nackten Tatsachen auszusprechen. Den Kaiser bloßzustellen? Man ist kein Kind mehr! Man weiß eben doch, dass etwas zurückkommen wird. In dieser Angst haben sich Erfahrungen niedergeschlagen, die aus einem gesellschaftlichem Wandel herrühren, der als fremde Macht den Individuen gegenüber tritt. Ein notwendiger Schritt der Emanzipation ist es, Erfahrungen in Worte zu kleiden.

Sebastian Gerhardt


Michael Stauffer

Michael Stauffer erhält den Preis des Lyrik-Wettbewerbs „Worte können fliegen“ für den Text „Der Gehilfe geht“. Der Monolog entwirft in knappen prosaischen Schwenks das Porträt eines Menschen, der Veränderung ersehnt, aber nicht verwirklichen kann. Prägnante, verstörende Bilder („Ich werde eine Sardelle essen / Mit einem scharfen Messer“) wechseln ab mit scheinbar austauschbaren oder banalen Statements. („Ich sollte endlich etwas anfangen“) Obwohl nicht alle Zeilen des zyklisch entworfenen Gedichts zwingend erscheinen, provoziert der Text Irritation. Der Sprecher gibt vor, der Gehilfe zu sein, doch erfahren wir nicht, wie er zu diesem Titel kam. Arbeit, die Mitarbeit fordern könnte, verschweigt der Bericht, er schildert ein Leben des Müßiggangs, tot geschlagener Zeit, kafkaeske Ausweglosigkeit. Wer spricht da, am Fenster sitzend, egozentrisch, beobachtend, vergrübelt, um schließlich nur Sokrates zu imitieren: „Ich weiß nichts“? Keine glückliche Existenz, ein Außenseiter, für den die Nahrungsfrage eine zentrale Rolle zu spielen scheint. Obwohl gut und regelmäßig ernährt, bilden wirkliche oder eingebildete Leckerbissen die Höhepunkte seiner Tage. Der Sprecher wirkt unsicher und verletzlich. Er redet viel von seinem Anspruch und den Plänen, tätig zu werden. Als er seine Behausung verlässt, so geschieht der Aufbruch plötzlich und scheitert auf lächerliche Weise. „Ich fahre mit meinem Fahrrad gegen einen Briefkasten.“ Kinder, die ihn zuvor verspotteten, entdecken den Gestürzten und sorgen für seine Bergung. Sie wirken, im Gegensatz zu dem unbeholfenen Gehilfen, selbstsicher und ungehemmt. Wer sich sonst noch um ihn kümmert, wird nicht gesagt, doch muss es da jemand geben, denn feste Regeln, die er zitiert, prägen seinen Alltag. „Man muss immer freundlich sein“. „Man muss mit Bettdecken vorsichtig umgehen.“ Auch die Maxime: „Aus dem Leben etwas machen“ scheint in diesen Kanon zu gehören. Aber wie? Da doch das wirkliche Leben nur außerhalb des Zimmers existiert, aber die Flucht Vorsatz bleibt. Die andere Welt – die in ihrer exotischsten Form als Paradies erscheint – kann höchstens mit der Fernbedienung ins Zimmer des Gehilfen geholt werden. Welcher Art dieses Quartier ist, lässt sich nur vermuten. Da wir jedoch erfahren, dass “Die Fenstergriffe fehlen“, kann angenommen werden, dass der Aufenthalt nicht freiwillig ist. Es ist der Report aus einer Anstalt. Der Gehilfe ist als literarische Figur keine neue Erfindung, er geisterte schon durch Kafkas Roman „Das Schloß“. Zu den Vorbildern Kafkas gehörte der Schweizer Schriftsteller Robert Walser, dessen bekanntestes Werk der 1908 erschienene Roman „Der Gehülfe“ war. Walser verbrachte 24 Jahre seines Lebens in einer Heilanstalt. Es darf angenommen werden, dass sich Michael Stauffer, ebenfalls Schweizer, mit seinem Text auch auf den berühmten Landsmann und Schicksal bezieht.

Steffen Mensching


Ron Winkler

Ich lese bei Ron Winkler folgende Zeilen und beginne zu ahnen, was auf mich zukommt:

„Was im Gedicht steht, mag sehr oft ganz treffend sein. Damit ist aber noch nicht geklärt, ob es auch das jeweils Richtige ist.“

Obwohl es sich um eine Aussage des Kritikers Ron Winkler handelt, der hier die Gedichte des Schweden Lars Gustafsson („Auszug nach Xanadu“) liest, ergreift der Lyriker in ihm die Gelegenheit, über das eigene poetische Verfahren zu reflektieren. Das tut er übrigens generell: sein Text-Gegenüber wird zum Gesprächspartner, um kritische Distanz für die eigene Arbeit zu schaffen.

Doch was theoretisch klingt und manchem akademisch erscheint, vermag Ron Winkler in seiner Lyrik mit lustvoller Eleganz und enormem Formbewusstsein, nahezu strenger Disziplin, in Leichtigkeit zu übersetzen.

Da hat einer Spaß an Sprachspielen – und diese sind mit Begriffen aus der sog. Informationsgesellschaft reichlich gespickt – ohne den Meister der Sprachspiele Ludwig Wittgenstein kopieren zu wollen. Wenngleich dieser des Öfteren über Ron Winklers Schulter schielt.

Verstiegene Höhenflüge werden jedoch vom Repertoire verhindert, das als sog. Realität seine Gedichte erdet: die Elemente Wasser, Luft, Erde, Feuer bestimmen zudem die Szenerie.

Und wenn sich Ron Winkler an das gute alte Naturgedicht wagt, findet da keine private Veranstaltung statt. Er selbst erdet sich gewissermaßen, sucht nach dem Ort, von dem aus er sprechen kann: auch und gerade, indem er über Natur als problematischen Begriff in Jamben nachdenkt.

Der Ort, von dem aus er spricht, bestimmt auch die Erkundungen, die immer wieder der „Farm Kindheit“ gelten, um jenen „Basisstationen des Später“ näher zu kommen, die u. a. die Jetztzeit regieren.
Fotomahlzeiten
Silbergeschirr war das Zaumzeug
des Sonntags, aus der Küche kamen
dampfende Speisen,…
zum Abschluss ging es immer
ans Eingemachte, die privaten Pflaumen
nach vorwiegend volkseigenen Kartoffeln:
kein Satz war so sauber
geschält,… (43)

Vielleicht provozieren Ron Winkler auch deshalb die Gedichte des Philosophen Gustafsson, in denen zwar Fichte, Schopenhauer und der Sprachphilosoph Wittgenstein das Sagen haben. Doch das, was sie sagen, wird erst dann bedeutungsvoll, wenn es um die „kleinen Wege“, die einfachen Dinge geht:

zum Beispiel, um „ein wütendes kleines metallblaues Insekt“, das um die Petroleumlampe surrt, die frühen Lichtungen der Kindheit, wo es Walderdbeeren gab oder um die Wärme einer Katze, die, wenn sie am Fußende des Bettes liegt, ein Gefühl von Heimat aufkommen lässt, so als sei die „Welt ein gänzlich natürlicher Aufenthalt“. Die Katze Erinnerung stromert auch durch Ron Winklers poetisches Gehege – doch bleibt sie, wie im Gedicht „Ländliche Elegie“ zu lesen – „unverändert/per Sie mit ihrer Umgebung“ (24), von einer möglichen Bett-Präsenz ganz zu schweigen.

Damit übersetzt der Lyriker einen wesentlichen Teil dessen, was der Kritiker sich fragend abverlangt.

Ein Gedicht, das Ron Winkler zum Wettbewerb eingereicht hat, fällt mir ein. Es trägt den Titel „auffrischendes abflauendes Land“, es heißt darin:

„Geburtsdatum Ost, das haftet/ an und beschäftigt
seit der Ikaruslandung am 9. November, `89 und dann
im Kopf das Land abgelegt (-gelegen), im Keller
jedoch gelagert noch Jahrgänge achtzig bis neunzig,
der alte Alltag als Apfelschlitzchen, Birnenkompott
und die Konserven fauchen beim Öffnen …“

Wenn auch das „Birnenkompott“ vorübergehend aus angespannter Alliteration befreit, die Diminutivform der „Apfelschlitzchen“ – durch Kursivdruck auch visuell hervorgehoben – bleibt massiv im Hals stecken. Neben den „privaten Pflaumen“ nun „Apfelschlitzchen“ und „Birnenkompott“ – Eingewecktes als eingelagerte Nahrungskette, deren Sättigungsgrad die Aufnahme der Erinnerung erschweren.

Weil von einer Zeit zu sprechen ist, in der das ICH als „Nebenkammer“ und „Nebelraum“ verhandelt wird.

Das wiederum steht im Gedicht „Nebenzimmer“.

Es befindet sich ebenfalls unter den Wettbewerbsgedichten und ist nun auch in Ron Winklers soeben im Berlin Verlag erschienenem Buch mit dem ins Erkenntniskritische weisenden Titel „Fragmentierte Gewässer“ nachzulesen. Es ist seine dritte eigenständige Veröffentlichung in nur 5 Jahren (und das sechste hat ja erst begonnen).

Dieses Buch und die Sammlung „vereinzelt Passanten“ (2004 bei KOOKbooks) geben einen Lyriker preis, dem es mit dem Schreiben verdammt ernst ist. Debütiert hat Ron Winkler im Jahr 2002 allerdings mit Texten unter dem Titel „Morphosen“. Der Band umfasst 48 Seiten und kann über die Kölner edition sisyphos noch immer bestellt werden. Sollte man an Ron Winkler jetzt und weiterhin interessiert sein, – an dem Lyriker, Kritiker und Prosaist –, wäre zu einer Bestellung dringend geraten. Übersetzer ist er übrigens auch, dazu arbeitet er noch als Redakteur und Lektor.

Sein Debüt waren also keine Gedichte. Eine surrealistisch anmutende, klug komponierte Textur (1) sind diese „Morphosen“. Bei genauer Lektüre zeigt sich aber, wie sie bereits von mutigen Lyrismen durchsetzt sind und den Rezipienten in seltsame Zustände versetzen können.

In dem Text „Morphose“ lese ich:

„alles erschien mir auf einmal wie zusammengeschoben. ein chimärischer Kick war in die Wahrnehmung gegangen, ein Dolchstoß in deren Sensoren…
radierende Lärmmeuten quer durch die aufgeschalteten Synapsen. lautstarr kläffte jeder betretene Ort.“

Das sind Dolchstöße, die in Zentren schmerz- und lustvoller Erinnerung, an Hirn und Herz rühren und von einem ausgeführt werden, der erschreckend genau zielt und seine Folterwerkzeuge selbst produziert.

Dabei das Gefühl beim Lesen, im Besitz eines heiteren Kopfes zu sein (nicht eben gewöhnlich!). Vielleicht liegt das ja an den „aufgeschalteten Synapsen“? Wobei beim Lesen von Ron Winklers Texten vor Freudschen Fehlleistungen gewarnt sei, denn gleich neben den „aufgeschalteten Synapsen“ liegen die „ausgeschalteten Synapsen“ – und die werden beim Schreiben noch nicht einmal rot markiert.

Ron Winkler liebt dieses Verfahren. Genauer gesagt, die in diesem Verfahren eingelagerten kognitiven Ver-rückungen und sprachlichen Verwerfungen. Fehlleistungen sind fest einkalkuliert, sie erzeugen neue Sehachsen, spielen mit den in einem Wort liegenden Bedeutungsnuancen, deren Lustpotential nicht zu unterschätzen ist.

Geradezu ketzerisch klingt da die Überlegung, um nochmals aus seiner Gustafsson-Besprechung zu zitieren:

„Vielmehr scheint es so zu sein, als berichtige das Gedicht das Richtige. Und spreche der Realität die Authentizität ab, um deren Korrektur im eigenen Fundus als eigene, primäre Kreation zu etablieren.“

Wieder ein Selbstbefund.

Verweist Ron Winkler, dem bei der Vergabe des Leonce-und Lena-Preises im Jahr 2005 bescheinigt wurde, er würde es verstehen, das Naturgedicht „als Referenz eines modernen Lebensgefühl nutzbar“ machen, ja erneut auf seine kritische Wittgenstein-Rezeption. Der hatte seinem „Tractatus logico-philosophicus“ – der kein Lehrbuch sein will – mit den Gedanken begonnen:

„I. Die Welt ist alles, was der Fall ist.
I.I Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen,
nicht der Dinge …“

Indem Wittgenstein in seinem Traktat die möglichen Wege des Denkens an den tatsächlichen Möglichkeiten der Sprache untersucht, stellt er für Ron Winkler eine überaus produktive Reizfläche dar. Die speist sich vor allem aus ihren naturwissenschaftlichen und psychologischen Angrenzungen und zeigt sich auf der Höhe der medialen Erkenntnisse, ein Jahrhundert nach ihm.

Ron Winklers lyrische Fall-Studien beweisen das (2) , Schicht für Schicht soll ein Gedanke von der sprachlichen Einkleidung freigelegt werden. Sprechen als Tätigsein? Lyrisches Sprechen ist im besten Fall: andere Wege, Abwege auch Umwege gehen, um sich noch einmal vom Ziel zu entfernen.

Seine jüngste Publikation „Fragmentierte Gewässer“ korrespondiert bereits im Titel mit diesem philosophischen Anliegen und eröffnet dabei Einblicke in die eigene Poetologie. Deshalb ja auch „Ge-Wässer“, schließlich zerfällt auch die Welt in „Tatsachen“ und unser Schauen verläuft bruchstückhaft. Derartiges Interesse zeigt sich in angewandter, nahezu therapeutischer Form im Gedicht „Der Sachverhalt Regen“ (S. 60), wobei vergnügliche Entdeckungen zu machen sind.

„wir betrachteten das fragmentierte Gewässer als Erscheinung
zwischen den Adjektiven leicht und stürmisch.
es regnete nie nur einmal pro Regen…
wir empfanden den Regen als das trinkbarste Wetter…
es regnete meistens vom Universum weg…“
und auf das Universum zu…“

Mit reichlich ironischem Zungenschlag verteidigt Ron Winkler seine poetischen Herzländer, schließlich sind die Plätze auf dem sprachkritischen Parkett längst aufgeteilt und heiß umkämpft.

Überhaupt tänzelt er wie ein moderner „Landvermesser“ recht unangemessen durch die poetische Landschaft. Begleitet von leisen Osmosegeräuschen, die auffallend oft von der „Lärmgruppe der Frösche“ durchkreuzt werden, die, wenn sie nicht tauchen, so im Gedicht „An einem Wasser weder Fluss noch Teich“:

Die Umgebung mit dem Grünton ihrer Kehlen“ taufen. Deren Lautaggregat läuft erstaunlich gut.

Doch nicht nur Herz-Land wird vermessen, auch reichlich Getier und andere Materie. Beispielhaft dafür die Gedichte „Rehmessung“ und „Das Ausmass von Reh“. Erneut sei vor Freudschen Fehlleistungen gewarnt. „Rehmessung“ wurde jüngst erst als „Rehvermessung“ gelobt – ein Schielen, das sich lohnt, denn der weidmännisch Geschulte wird zwar von Ron Winklers Gedicht enttäuscht sein, der sich auf sprachlichen Entdeckungsreisen befindliche Leser hingegen nicht. Dass selbst die Messung der Erscheinung Reh zum synaptischen happyning werden kann, ist damit zwar erfolgreich bewiesen, doch die möglichen Fragen bleiben weiterhin ungelöst.

Beständig erweitert Ron Winkler damit den Fundus seiner eigenen, primären Kreationen. Das ist mehr als tröstlich.
Schließlich – um ihn noch einmal zu zitieren – sind es die „Erfindungen der Kunst, die auf die Essenz einer Sache verweisen können, indem sie diese ein wenig ignorieren und anders machen“.

Carola Opitz-Wiemers

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(1) Bei der sowohl Morpheus, der Gott der Träume, als auch die Spielregeln der Morphologie mitgearbeitet haben und das nicht zu knapp.

(2) Für Wittgenstein sind ja bekanntermaßen Sachverhalte beim Beschreiben von Wirklichkeit von zentraler Bedeutung. Die zeigen sich in Bildern, um wiederum in Sprache manifest zu werden.