Bücher - „vierzig kilometer nacht”, Lutz Seiler

Suhrkamp, 2003

Die dunklen Absencen
Mit seinem Gedichtband "vierzig kilometer nacht" setzt Lutz Seiler seine Kosmogonie des Ostens fort.

Besprechung von Michael Braun in der Frankfurter Rundschau, 18.2.2004

In einer essayistischen Erkundung seines Schreiborts, einer traumwandlerischen Umkreisung des von einem Kiefernwald umschlossenen Hauses im märkischen Wilhelmshorst, hat Lutz Seiler einmal den Wahrnehmungsmodus beschrieben, an den seine Dichtung gebunden ist. Der Erzähler berichtet hier von seinen täglichen Spaziergängen rund um das Haus, vom Holzsammeln als einer Art Initiationsritus, der die Sinne schärft und ästhetische Erfahrung erst ermöglicht. Ganz nah tritt Seilers Ich an die Dinge heran, es starrt wie absichtslos auf eine Kiefernrinde oder einen Grashalm und beobachtet, wie die Naturstoffe langsam in das Bewusstsein eindringen.

Das Holz der im Garten verstreuten Äste, die Rinde der Bäume, die über dem Haus ein "Kieferngewölbe" bilden, sind hier gleichsam die Urmaterie der Poesie. Es geht in Seilers Gedichten um einen Zustand des träumerischen Geöffnetseins gegenüber den Naturstoffen, es geht um die Hingabe an Substanz und Stofflichkeit der Dinge. "Als Kind hatte ich ein Körper- und ein Sprachgefühl von Holz" - dieses Diktum aus einer Wiener Poetikvorlesung bildet den Refrain seiner Poetik. Als Grundkategorien seines Schreibens benennt Seiler die Wahrnehmungszustände seiner Kindheit, die in Textqualitäten transformiert werden sollen: "Abwesenheit", "Müdigkeit" und "Schwere".

Emphatische Ding-Poetik
Das Bekenntnis zu einer lyrischen Kosmogonie der Dinge formulierte Seiler bereits im Titel seines Debütbands berührt / geführt von 1995, einem Gedichtbuch, das ohne jede öffentliche Resonanz blieb und nur dank des Dichterkollegen und Poesie-Scouts Wulf Kirsten einige Kenner erreichte. In der lakonischen Formel "berührt/geführt" verbirgt sich nicht jene Regel des Schachspiels, nach der ein Zug nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, sondern eine emphatische Ding-Poetik. Der Dichter zeigt sich affiziert von den Dingen seiner Herkunftswelt und lässt sich von ihnen "führen". Die Grundfarbe dieser Herkunftslandschaft ist in diesem Fall ein giftiges Schwarz. Denn Lutz Seiler ist in den ostthüringischen Dörfern Culmitzsch und Korbußen aufgewachsen, zwei von vielen Dörfern, die im Zuge des rücksichtslosen Uranbergbaus in der DDR dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Der Stoff der poetischen Erinnerung ist in Seilers zweitem Gedichtbuch pech & blende (2000) kontaminiert mit den Abfallprodukten des Uranbergbaus, vor allem der Pechblende, einem schwarz glänzenden, kryptokristallinen Urangestein. Die Bewegungsrichtung der Gedichte benennt hier der Text "gravitation": "jedes gedicht geht langsam / von oben nach unten". Es ist eine Bewegung zu den "rohen Stoffen", den Erzen oder "Knochen der Erde", wie sie in der Mythologie des Bergbaus benannt sind.

Auf die Veröffentlichung von pech & blende folgte ein beispielloser Triumphzug durch die Weihestätten des Literaturbetriebs. Angefangen beim Kranichsteiner Literaturpreis 1999 bis hin zum Ernst-Meister-Preis 2003 und dem aktuellen Bremer Literaturpreis 2004 hat man Seiler nahezu alle renommierten Literaturpreise und Stipendien zugesprochen. So konnte auch jener dumpfe Reflex nicht ausbleiben, der alle Götterlieblinge des Betriebs trifft. Anlässlich von Seilers jüngstem Band vierzig kilometer nacht haben sich schon einige gehässige Großmeister des Misstrauens zu Wort gemeldet, die in diesem Buch nur eine - epigonale - Fortführung von Seilers lyrischer DDR-Archäologie erkennen wollen. Auch bei wohlwollenden Rezensenten artikuliert sich versteckt ein Argwohn gegenüber dem angeblich "Strickjackenartigen" (Ursula Krechel) dieser Gedichte.

Es scheint, als solle der Autor literaturkritisch dafür büßen, dass er das ehemalige Refugium Peter Huchels in Wilhelmshorst bewohnt. Die notorische Referenz auf Huchel führt hier auf einen riskanten Deutungs-Pfad. Denn Seilers Gedichte orientieren sich primär an der lyrischen Phänomenologie eines Francis Ponge, der als Bezugsfigur in allen Essays auftaucht. Wie Ponge strebt Seiler nicht nach autobiographischer "Rekonstruktion", sondern nach einer Präsenz der Dinge, an der sich seine Wahrnehmung der Welt formt.

Gewiss setzen auch die Gedichte in vierzig kilometer nacht dort ein, wo pech & blende aufgehört hatte: bei der poetischen Tiefbohrung in den geschichtlichen Kristallisationen der DDR. Und tatsächlich tauchen auch hier die signifikanten Details einer Kindheitslandschaft auf, die zwischen "eisenschaukeln", "zweitaktwagen", "aschekübeln" und "wachtürmen" verbracht wurde. In diesem "gelobten land" der Kindheit vollzieht sich die Formierung und Deformierung eines "rohen ICH", das als Relikt aus der "kreidezeit" apostrophiert wird.

Aber das Titelgedicht des neuen Bandes zeigt an, dass es auch darum geht, Distanzen zu vermessen zwischen der versunkenen Herkunftswelt und dem "global village" der Gegenwart. "Vierzig kilometer nacht", das meint ja nicht nur die geographische Entfernung von der märkischen Peripherie in Wilhelmshorst bis nach Berlin-Mitte, sondern auch eine geschichtliche Distanz. Auf seiner Reise durch die Nacht wird das Ich überwältigt von den quälenden Bildern der verschwundenen alten Welt. Der Reisende gerät in einen "tunnel / aus absencen", wo sich schließlich die "nervenbilder" seiner Erinnerung entzünden.

Dank einer raffinierten Montagetechnik öffnet Lutz Seiler einen poetischen Assoziationsraum, in den immer neue Facetten einer im geschichtlichen Dunkel oder "im block" verbrachten Kindheit eingefügt werden. Hier gelingen ihm großartige, berührende Gedichte, etwa "ammoniak", das anhand von Gerüchen und Geräuschen die Gestalt des Vaters vergegenwärtigt. Oder das Gedicht "beton", das Bilder der Kasernierung mit Phantasien des Aufbruchs und des Liebeswunsches kontrastiert.

Am Ende dieses Gedichts steht die Erstarrung der Liebes-Utopie, wird das zitierte mittelalterliche Liebespoem negiert: "zwei graue aufmerksame kinder lehnten / oben im portal das eine / hielt die anstalt in den armen das / andere las es war einmal / zu früh an jedem morgen und / ein sehnen das // sich selbst nicht kannte ab- / gekniet im katzensilber im granit / der grossen schotterfläche du // bist mîn so standen wir und schauten / hoch für immer ab- / getauscht mit schwerer tinte an / den fingerspitzen spastischen / kapuzen-küssen ich / bin dîn: aus kies, zement, armierungseisen."

Bei aller Geschichts- und Erinnerungs-Versessenheit wird doch spürbar, dass sich diese Gedichte mit einer Rückwärtsgewandtheit, jenem "alten lied: ICH / MÖCHTE DOCH GERN BLEIBEN", nicht mehr zufrieden geben. So folgt man als Leser wie gebannt der suggestiven Stimme dieses Ichs, das sich aus einer Abgeschiedenheit heraus artikuliert, das in einer dunklen Melodik aus hellen und dunklen Vokalen mit den Dingen spricht. Da ist ein Autor, der in seltener Bildfindungs-Kunst die Stimmen und Gegenstände seiner Herkunftswelt zu elliptischen Versen verknüpft. Es ist zugleich ein Dichter, der sich allmählich aus den Verkapselungen des "fern verschlossenen Augenblicks" befreit.