Bücher - „mit haar und haut”, Steffen Mensching

Aufbau Verlag , 2006

„Keine lustige Flucht“

Da hat einer eine Liebste verloren und verliert darüber beinahe sich. Aber, er bleibt. Bleibt allein mit seiner Sehnsucht, seinen Einsichten, seinem Wissen um verpasste Gelegenheiten und um Unterlassungen, die man sich vorwirft. Danach. Dieses Danach ist ein Terrain, wo es manchmal kein Land mehr gibt, das begehbar scheint für das lyrische Ich. Verlusterfahrung ist ihm nicht neu. In „Erinnerung an eine Milchglasscheibe“ nahm das lyrische Ich eine solche vorweg: „Ich werde, wenn du weg bist, schreiben,/Daß es nicht weh tut, ohne dich./Ich werde nachts in der Kantine bleiben/ Und dich vergessen wollen werde ich...“ Das ist mehr als 20 Jahre her. Und die Methoden sich gegen den Verlust zu wehren sind gleich geblieben. Er schreibt. Er bleibt und versucht bei sich zu bleiben. Wie unendlich schwerer ist das geworden!

Der letzte Lyrikband von Mensching liegt reichlich 10 Jahre zurück („Berliner Elegien“ 1995). Er hat in letzter Zeit eher mit zwei Romanen Jakobs Leiter (2003), der im übrigen blitzblanke New-York – Gedichte enthält und „Lustigs Flucht“ (2005) auf sich aufmerksam gemacht.
Nun also ein Band „Liebesgedichte“. Schon der Titel „Mit Haar und Haut“ weisst darauf hin, worum es geht: Um so ziemlich alles. Dem Leser wird (mit jedem Text mehr) klar, dass das lyrische Ich sich in einer Grenzsituation befindet, in der auch Erfahrung nicht viel hilft.

Lakonie, Drastik, Selbst– und andere Ironie finden wir in den Texten Steffen Menschings wieder vor. Aber, einige Gedichte in dem Band machen deutlich, das, was dem Verlust folgte, das lyrische Ich an eine Grenze führte, registriert den Verlust der Geliebten auch als Weltverlust: „New Orleans ging/ Unter, an Chinas Küste/ Stieg die Flut,es/ kümmerte mich nicht/ Asozial, heimatlos,gemein/ Gefährlich,auch/ Mir stand das Wasser/ Bis zum Hals“...Auch die Ironie bekommt da manchmal einen Sprung wie eine alte Kaffeetasse: „Ich war der verzweifelte/ Kleine Selbstmörder/ und kam auf keinen/ Grünen Zweig, jeder Ast, an/ Den ich mich hängte, war/ Morsch und brach ab.“Das lyrische Ich hält es dann mit Christoph Meckels Wahlspruch: „Im Zweifel Ortswechsel“ („Bockshorn) Kultivierte Flucht also. Er geht auf Reisen. Doch, er entkommt weder sich noch ihr, der Geliebten, die ihm, in ihrer „Abwesenheit“ überall begegnet. „Im Flugzeug nach New York,/ neben einer Familie/ Aus Moskau sitzend,fühlte/ Ich mich, die Augen/ Schließend, einen Moment/ Lang wieder zu Hause/ und die Augen öffnend,/ Wie ein Hund, ausgesetzt/ Elftausendzweihundert/ Meter über dem Meer.“ Dem Dichter gelingen hier immer wieder Verse von großer Schlichtheit, die in Erinnerung bleiben: „Liebe ist Kriegsdienst,/ Wußte schon Ovid,/ Du warst meine Frau,/ Ich war dein Mann, / Wer die Fahnen flieht,/Den trifft der Bann.“

Wer das lyrische Werk von Steffen Mensching kennt, wird dennoch erstaunt sein über die Schwere und die Trauer, die sich über viele der Texte legt. Ein neuer Ton ist hier zu vernehmen, der ohne die Clownsmaske auskommt, auskommen muss, der im tödlichen Ernst den Witz erst gar nicht mehr sucht, nicht mehr suchen kann. Er, der Dichter ist ein gnadenloser Selbstbeobachter. Das, was er dort zuweilen bei sich findet, versperrt sich auch der selbstironischen Reflektion. Dabei verliert Menschings Lyrik nichts an Unmittelbarkeit. Schmuckloser, einfacher vielleicht wirkt das Ganze, aber: ein Ganzes ist es geworden! Die Texte bilden insgesamt eine Erzählung dessen, was dem lyrischen Ich begegnet ist. Sie beziehen aus ihrer Gesamtwirkung eine „Mitte“ von emotionaler Erfahrung, die das lyrische Ich erst schreibend zu erringen sucht. Text für Text setzt sich für den Leser so das Bild einer gescheiterten Liebe zusammen, dabei wird auch die – abwesende – Liebste kenntlich. Diese Frau ist dem lyrischen Ich ein Stück weit Geheimnis geblieben. „Vielleicht beginnt das Unglück in dem Augenblick, in dem einer den anderen zu durchschauen glaubt. Solange wir wissen, daß wir unerkundbar sind, ist Liebe:“(Ilse Aichinger)
Nichts ist also ausgeschritten. Das geht dem Dichter nach: „X,die Variable/ Einer verwirrend schönen/ Gleichung, die mich/ Bannte, obwohl ich sie/ Nicht zu lösen verstand.“ Aus solchem Stoff ist Schmerz. Das trifft! Sicherlich gibt es „Untiefen“ in einigenTexten - es mangelt ihnen zuweilen auch an rhythmischer Stringenz – dies aber vermag den starken Gesamteindruck kaum zu mindern.

Der Lyriker Mensching ist von nicht wenigen Lesern in den letzten 10 Jahren schmerzlich vermisst worden (Der Verfasser dieser Zeilen bekennt, zu diesen Leuten zu gehören). Im vorliegenden Band finden sich genügend Anhaltspunkte warum dies so ist.

Die Hoffnung bleibt, dass diese Zeit nunmehr ein Ende gefunden hat und wir wieder regelmäßiger Nachricht bekommen von jenem Dichter. Auch wenn es nicht immer gleich um a l l e s gehen muß, geht es um viel. Bei Mensching immer!

Michael Mäde