Lyrik im Haus der Demokratie und Menschenrechte


Worte können fliegen
lyrik live

Dies ist keine Verlustanzeige. Die Lyrik in diesem, nunmehr seit 15 Jahren zusammengeschlossenen Land existiert. Seit vielen Jahren ist sie, lediglich, keine relevante Markt-Größe mehr. Und dennoch lebt die Szene. Es lebt die Lust am lyrischen Ausdruck. Tag für Tag, Nacht für Nacht schinden sich Dichter, ohne Aussicht auf irgendeinen (materiellen) Gewinn. Und es entstehen Texte. Manche für den Tag. Manche, gleich dem Vergessen preisgegeben. Aber manche auch für einen Augenblick, wo der Leser etwas in einer Sprache wahrnimmt, was sonst für ihn niemals erfassbar, verstehbar geworden wäre. Da nimmt er auf eine Weise teil, die erst einmal nur ihn angeht, gleichsam intim ist, aber dennoch Denk– und Deutungsräume eröffnet, die man anders so schwerlich erlangen kann.

Auch deshalb lebt die Dichtung noch, obschon diese Kunst in Deutschland beinah immer vergeblich „nach Brot geht” wie schon Lessing sagte.


15. 2. 2007: Uwe Kolbe, Moderation: Michael Opitz

Die Lesereihe, die hier realisiert werden soll, konzentriert sich auf das lyrische Schaffen ostdeutscher Dichterinnen und Dichter der letzten 15 Jahre. In „alle Winde verstreut” geben sie doch Zeugnis davon, was ihnen und vielleicht auch vielen anderen Menschen widerfahren ist. Umbrüche solcher historischer, aber auch persönlicher Dimension, wie wir sie in den letzten 15 Jahren erlebt haben, lösen immer reichlich Konflikte aus, führen Veränderungen in sehr kurzer Zeit herbei, die die Menschen vor völlig neue Herausforderungen stellen. Im lyrischen Schaffen bilden sich solche „Verwerfungen” meist nicht direkt ab. Das aber ist die Stärke des Genres: es kann fast unaussprechliches für den Leser fassbar, erlebbar machen. Dabei ist für die Veranstalter von besonderem Interesse, wie das jeweilige lyrische Ich die Erfahrung von Wende und „Vereinigung” beider deutscher Staaten erlebt und reflektiert hat. Dabei wollen wir unterschiedliche Dichtergenerationen zu Wort kommen lassen. Neben „Altmeistern” soll auch die „mittlere” und jüngere Dichtergeneration ihren Platz in der Lesereihe finden.

Die Veranstaltungsreihe im Haus der Demokratie & Menschenrechte wird von Beginn an dialogisch angelegt. Mit dem Berliner Literaturwissenschaftler Michael Opitz steht für die Lesereihe ein Moderator zur Verfügung, der nicht nur über ausgewiesene Kenntnisse in diesem Bereich verfügt, sondern vor allem durch seine Gesprächsführung und Kommunikationsfähigkeit immer eine diskursive und lebendige Atmosphäre zu schaffen versteht, die für einen intensiven Austausch über Leben und Literatur so unabdingbar ist.

Es soll bewusst an die Lesereise „ein Land geht in den Westen” angeknüpft und damit ein breiteres Publikum erreicht werden. Die positiven Erfahrungen bei den ersten beiden Veranstaltungen der laufenden Reihe und die vielfach positive Resonanz auf das Konzept der Reihe insgesamt haben die Initiatoren im Haus der Demokratie und Menschenrechte bestärkt, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und den gesellschaftlichen Diskurs auch mittels der Kommunikation über Literatur zu führen.

Diese Reihe wird von der Stiftung Aufarbeitung gefördert.